Der Dorfbrand von Wilgersdorf

Vor knapp 150 .Jahren im August 1857; Artikel aus dem Jahr 1957:
Der Dorfbrand von Wilgersdorf


Viele alte Bauernhöfe vernichtet -Schwieriger Wiederaufbau

Am 31. August jährte sich zum hundertsten Male der Tag des großen Dorfbrandes in Wilgersdorf. Aus alten Aufzeichnungen von 1822 und 1863 geht hervor, dass die Dorfmitte von Wilgersdorf bis zum Jahr 1857 ein völlig anderes Aussehen hatte, als heute. Zu beiden Seiten der uralten Dorfstraße standen Stroh gedeckte Fachwerkhäuser, von denen manches Hunderte von Jahren gezählt haben mag. Einige Gebäude lagen mit der Giebelseite zur Straße hin, während andere einen weit größeren Abstand von der Dorfstraße hatten, als nach ihrem Wiederaufbau, Mehrere Häuser wurden nicht wieder aufgebaut. Am meisten veränderte sich das Dorfbild um den jetzigen Gemeindesaal.

Bei dem am Nachmittag des 31. August 1857 gegen 2 Uhr ausgebrochenen Feuer brannten folgende Häuser nieder: .

Das jetzige Gemeindehaus, das damals im Besitz des aus Gemünden (Westenwald) stammenden Gastwirts, Drechsler- und Müllermeisters Johannes Jakob Pistor 1809-1864') und dessen Ehefrau Anna Katharina geb. Reichmann (1813-1891) war. Deren Enkel, Ferdinand Pistor, der jetzt im 82. Lebensjahr steht, veräußerte das nach dem Brand Neuerrichtete Gebäude kurz vor dem ersten Weltkrieg an die Niederscheldener Siegtalbrauerei, deren Vertreter Maron in dem Pistorschen Anwesen während des Baues der Bahnstrecke Siegen - Haiger mit dem langen 'Tunnelbau durch die Telefenrother Höhe für die italienischen Fremdarbeiter eine Verkaufsstelle für Lebensmittel und Getränke unterhielt.

Das benachbarte, am rechten Weiß-Ufer gelegene Wohnhaus der Erben des Johann Heinrich Schütz, das in den Jahren 1832/33 in den Besitz des Hermann Reichmann II übergegangen war. Die Bewohner jm Jahr 1857 waren der Landmann Hermann BoIler (1818 bis 1893, Feyes Awe) und seine aus Bockenbach gebürtige Ehefrau Maria Elisabeth geb. Schutte (1821-1890), Frau BoIler, die zur Zeit des Brandes mit ihrem drei Monate aten Sohn Heinrich (Feyes Patte, 185'7-1927) allein zu Hause war, konnte Infolge der schnellen Ausbreitung der Flammen von ihrer Habe nichts mehr In Sicherheit bringen. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Erst einige Jahrzehnte später erbaute der Kaufmann Karl Gräf (1862-1953) an dieser Stelle das jetzige Geschäftshaus.

Franz Neusers Wohnhaus (Gräbewirts), in dem vor dem Brand eine Gastwirtschaft (unter dem Gräbewald) bestand, wurde ebenso wie das zu ihm gehörige Nebenhaus am Welßbach ein Raub der Flammen.

Das Haus des Jakob Schlemm 1, das 1830 an Johann Heinrich Lohhenner veräußert wurde. Das Gebäude lag vor dem heutigem Hartmann-Haus mit der Breitseite der Hauptstraße.

Das Hartmann -Haus, das 1622 Eigentum des Wilhelm Neef war. Das Gebäude, das heute noch von den Nachkommen im Mannesstamm bewohnt wird, stand vor 1857 weiter rechts z.T. auf dem Fundament des Kneappa-Hauses.

Das Kneappe-Haus, das unmittelbar hinter dem jetzigen Haus und Hartmanns Garten stand, gehörte im Jahr 1822 dem Hermann Müller IV. Noch heute bewahren die Nachkommen eine Bibel auf, die die Widmung trägt: "Geschenk für den Brandgeschädigten Wilhelm Müller, Wilgersdorf 1857". Kneappe, Haus war das letzte Gebäude in der heutigen Brunnenstraße, das dem Brand zum Opfer fiel. Ein Übergreifen des Feuers auf das benachbarte Wohnhaus der Familie Lohhenner-Kölsch (Eckerts) konnte damals verhindert werden.

.An dieser Stelle sei das Erlebnis eines damals in Anzhausen wohnenden Schuhmachers, des Rube Caspar, nacherzählt: Der wahrscheinlich aus Wilgersdorf (Rube-Dommeses) stammende Rube-Caspar, der hellseherische Fähigkeiten besaß, kam an einem Sommertag des Jahres 1657 von Anzhausen her über das Handscheid (Haenschel), von wo er ganz Wilgersdorf in ein riesiges Flammenmeer verwandelt sah. Rube-Caspar, der auch Einzelheiten des Brandes mit seinem geistigen Auge wahrnehmen konnte, berichtete nachher in Eckerts -Lohhenners Haus, dass der schon in Sicherheit. gebrachte Viehbestand nach dem Brande wieder in die Ställe zurückgeführt werden könne, da das Haus unversehrt bleiben würde.

Von den Häusern Lohhenner und Nee.f wurden Infolge des starken Westwindes Funken auf das Strohdach des im Jahr 1828 größtenteils Neuerbauten Schulhauses getragen, so dass auch dieses Gebäude, das neben einem sehr geräumigen Schulzimmer auch die Wohnung des Hirten enthielt, eingeäschert wurde. Gleichzeitig fiel die an das Schulgebäude anschließende simultane Kapelle den Flammen zum Opfer. Ein Übergreifen des Feuers auf das gegenüberliegende, mit dem Giebel zur Straße stehende Gehanns -Haus konnte eine Zeitlang verhindert werden, da zwei Männer die auf dem Dach züngelnden Funken ausschlugen. Vielleicht hätten ihre Bemühungen Erfolg gehabt, wenn nicht an der Hauswand stehender, trockener Ginster in Brand geraten wäre. Damit brannte auch dieses Haus als einziges an der Straßenseite nieder. Durch Funkenflug vom Kapellen-und Schulgebäude verbrannten weiter:

Das neben der Schule stehende Haus des Hermann Meiswinkel (Justes-Hermannses, heute Schuel-bollelsch), das Haus des Johannes Wilhelm Neef, das etwa zehn Meter hinter dem jetzigen Gebäude (Hannes-Welmes) stand; auch das einstöckige, In Fachwerk errichtete und mit Schiefer gedeckte katholische Schulgebäude hinter dem alten Hannes -Welmes Haus sank in Schutt und Asche.

Ferner verbrannten: Das Haus des Heinrich Wilhelm (1789-1863), des Urgroßvaters des heutigen Besitzers Friedrich Wilhelm (Schmidtsleyse). Während des Aufbaues waren die Bewohner in dem gegenüberliegenden Welmes -Ha.us untergebracht, in dem Anna Margarete Wilhelm (Schmidtsleyse Golle) geboren wurde. Das ebenfalls niedergebrannte Doppelhaus (1822) der Witwe Wilhelm 0erter und des Joh. Peter

Oppermann (an der Stelle des späteren Lauberschen Hauses, heute Leyenersch) wurde nach 1857 nicht wieder aufgebaut. Nach Angaben des fast 80 jährigen Wilgersdorfer Hirten Karl Böcking bezog die Familie Oppermann später das Wohnhaus der so genannten Schölersche (ln der Sang). Bei der Witwe Oerter handelt es steh um die aus Würgendorf gebürtige Ehefrau des Johann Wilhelm Oerter deren Schwiegervater Michel Oerter dem Haus den Namen "Michels" gegeben hatte. Als im Jahr 1858 Hermann Oerter (1803-1882), der Sohn der genannten Witwe Oerter, in der Sang ein neues Wohnhaus errichtete, wurde der alte Hausname auf das neue Gebäude, das heute noch "Michels" heißt, übertragen.

Es verbrannten: das Haus des Johannes Wehn III (Herte-Eckerts), das mit dem Giebel an der Straße stand, das Doppelhaus des Jakob Schäfer und des Friedrich Meiswinkel (am der Stelle der Häuser des Herbert Dax und des Adolf Neuser, 1822). Das Schäfersche Haus fiel später an Thomas Steiner. Beim Wiederaufbau entstanden dann zwei neue Häuser Freveriges und Schneirer-Philippses; das Haus des Hermann Reichmann I hinter Freveriges Johann Ebert Neusers Haus (1822, Meyrersch) an der alten Wittgensteiner Kohlenstraße am Fuße der Tiefenrother Höhe, war das letzte Gebäude, das noch am 31. August 1857 vor Einbruch der Dunkelheit abbrannte. Noch heute bewahrt die Familie Neuser ein an den Ecken des Untersatzes stark angekohltes Stehkruzifix auf. Auch ein beim Aufbau mitverwerteter Tragbalken, der tiefe Brandwunden trägt, erinnert an die Feuersbrunst.

Zwei. Tage später brannten gegenüber der ev. Schule das Haus des Johannes Boller (Bollersch -Hermannses, Giebel zur Straße) und das benachbarte Haus des Johannes Henrlch Winkel (Gasse-Winkels, Giebel zur Straße), der zur Zeit des Brandes Bauholz für die Abgebrannten in Siegen holte, ab.

Der Schaden, den Wilgersdorf durch die beiden Brände vom 31. August und 2. September 1857 erlitten hatte, wurde auf 30000 Taler geschätzt und selbst wenn man davon etwa 13 000 Taler :Brandentschädligungsgelder abrechnet, so hatte die verarmte Gemeinde immerhin einen ansehnlich n Restbetrag aufzubringen. In den nächsten Wochen gingen auf Grund eines vom damaligen Landrat von Dörnberg erlassenen Aufrufes zahlreiche Naturalien und namhafte Geldspenden ein, so dass der Wiederaufbau in der Folgezeit gute Fortschritte machte. Heute erinnern nur noch wenige Brandmale an die Katastrophe, die so jählings über die Wilgersdorfer hereinbrach.

(Auszugsweise einer von H. Ulrich Berg verfassten Chronik entnommen)
WILGERSDORF
am Rothaarsteig